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Wenn´s köstlich gewesen ist … oder "Die Schönauer Mühlenweiber"

Die Niedere Schönauer Mühle ist eine Getreidemühle mit Bäckerei und wurde bis etwa 1960 durch ein oberschlächtiges Wasserrad angetrieben. Sie steht seit 1989 unter Denkmalschutz. Alljährlich zum Mühlentag am Pfingstmontag ist sie Anziehungspunkt für Freunde der Mühlengeschichte, aber auch für Oldtimer-Fans. Berthold Grenz, der heutige Besitzer der Mühle, ist nicht nur ein leidenschaftlicher Bewahrer der Mühlenhistorie, sondern auch ein Liebhaber historischer Fahrzeuge.

Der Mahlgang aus dem Jahre 1821, viel historisches Mühlen- und Bäckereiinventar und die kleine Ausstellung auf dem Mühlenboden mit einem der wenigen Fotos von Friedel Kunz, der letzten Müllerin, verleihen ihr besonderes Flair. Über der Haustür befindet sich die einzige in Westsachsen noch am Originalstandort erhaltene hölzerne Sonnenuhr aus dem Jahre 1832.

Uraltgeschichte: Die Besiedlung des Erzgebirges (Miriqidi) reicht bis in die Zeit um 1000 zurück. Damals wurde es auf alten "Salzwegen" richtung Böhmen durchzogen. Händler karrten ihre Waren über ausgewaschene Hohlwege über die Berge. Die "Niedere Schönauer Mühle" liegt direkt an einer dieser uralten Handelsverbindungen, sie wird von dieser regelrecht umfahren. Der Weg führte ursprünglich von Zwickau über Reinsdorf, Friedrichsgrün vorbei an der Mühle Richtung Wiesenburg. Die Lage der Mühle zeugt von ihrem hohen Alter und einer frühen Siedlungsstelle. Mit den Erzfunden im 16. Jahhundert begann auch die dauerhafte Besiedlung. Die Mühle stammt nachweislich aus der Zeit vor 1591.

Altgeschichte: Die erste urkundliche Nachricht über die Schönauer Mühle stammt vom 21. Juni 1591. Wir erfahren vom "Erbkauf Georg Emmerlings des Jüngeren umb seines Vatters des Michael Emmerlings selig hinterlassene Mahlmühle". Nach mehrfachem Besitzerwechsel im Lauf der Jahrhunderte kauften das Anwesen schließlich 1825 ein Johann Friedrich Kunz und dessen Sohn Christian Friedrich, denen im Ort bereits die Sägemühle "Rotmühle" gehörte.

Die Käufer stammten von einer böhmischen Exilantenfamilie ab, die nach der Vertreibung aus ihrer Heimat im 16. Jahrhundert in Schönau ein Bauerngut erworben hatte. (Mehrere Dynastien westerzgebirgischer Mühlenbesitzer führen ihren Stammbaum auf diese Familie Kunz oder Kuntze zurück.) Fünf Generationen Kunz-Müller sind für die "Niedere Mühle" als Besitzer belegt:

1825-1829 Johann Friedrich Kunz und Christian Friedrich Kunz;

1829-1868 Christian Friedrich Kunz;

1868-1895 Christi an Ernst Kunz;

1895-1937 Ernst Otto Kunz; danach Witwe Johanna Kunz und ihre erwachsenen Kinder Ernst, Toni, Friedel und Anna.

Die Mühlenweiber: Da man sich allein vom Mahlen nicht ernähren konnte, wurde in der Mühle schon immer Brot zum Verkauf gebacken, zusätzlich bewirtschafteten die Müllersleute gepachtetes Feld und betrieben Viehzucht. Als Ernst Kunz eingezogen wurde, mussten die "Mühlenweiber" , wie sie im Ort genannt wurden, allein zurechtkommen. Toni war Bäckerin, Kutscherin und Verkäuferin ¬ brachte mit dem Einspänner das von ihr gebackene "Mühlenbrot" ins benachbarte Friedrichsgrün zum Verkauf. Friedel war Müllerin und Bäuerin. Bei dieser Arbeitsteilung blieb es, als ihr Bruder aus Hitlers Krieg nicht zurückkehrte. Überhaupt kamen zu wenige Männer zurück: Friedel und Toni blieben unbemannt. Nur Anna verheiratete sich irgendwann.

Bis in die 1980er:Jahre lebten die beiden Frauen hier - inzwischen hochbetagt. Auf sie trifft wohl das Bibelwort zu: "Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen ..." (psalm 90, I 0)

Für mehrere Generationen Schönauer waren sie Tante Toni und Tante Friedel. Ältere Herren bekommen Kinderaugen, wenn sie sich erinnern: Ja, die Toni und die Friedel, die Mühlenweiber, die waren immer gut. Geschimpft haben sie höchstens mal, wenn wir im Winter mit den Schlitten ihren Zaun umfuhren. Der Duft nach Brot im Hausflur zog uns magisch an: "Toni gab uns mol ne Spackfettbemme", bettelten wir, und Tante Toni schnitt uns eine Scheibe ab und kratzte etwas Fett darauf. Sie selbst lebten karg. Aber wir haben nie vergebens gebettelt.

Der Brand: Bis 1972 ein Brandunglück den Dachstuhl und den oberen Mühlenraum zerstörte, war Friedel Kunz hier Müllerin. Das Foto im Obergeschoss zeigt eine abgearbeitete, beinah zierliche Frau, von der schwer vorstellbar bleibt, wie sie ein Leben lang Getreidesäcke geschleppt haben muss: Gebeugter Rücken, schwielige Hände, eine Müllerin, die manchmal oben in der Stube musizierte. Erzählt wird, dass sie nach dem Löschen des Feuers 1972, als das Ausmaß der Schäden sichtbar war, Klavier gespielt habe. Sie habe das gebraucht, soll sie gesagt haben. Die Schwestern blieben wohnen, trotz des ausgebrannten Dachstuhls. Beim Wiederherrichten des Hauses halfen alle Nachbarn mit.

Heute: Gelegentlich duftet das Haus auch heute nach frisch gebackenem Brot, wenn der altdeutsche Backofen wieder einmal in Betrieb genommen wird. Wenn Schulklassen der Weg "Vom Korn zum Brot" erläutert oder Mühlentag gefeiert wird. Mühlenbrot zu backen, braucht Geduld. Der Ofen muss über mehrere Tage langsam aufgeheizt werden, dann wird das Feuer herausgenommen und die Teiglinge werden hineingeschoben. Heute ist die alte Mühle das Wohnhaus der fünfköpfigen Familie Grenz. Kinderlachen und Weinen haben das klappern der Mühlenräder abgelöst. Wo früher die Steine liefen, ist heute eine Sammlung historischer Rundfunktechnik untergebracht, alles "Made in DDR". Etwa 200 Geräte der rft - Ära erinnern hier an die Träume eines Musikfreundes.

Und wer Lust hat, kann bei solchen Gelegenheiten auch alte Mühlensprüche an den Wänden entdecken, gesammelt vom heutigen Mühlenbesitzer:

"Wenn ich eine Mühle hätt'

Und ein schönes Weib im Bett

Und bräuchte keine Steuern zahlen,

Dann würd ich ohne Sorgen mahlen."

Text nach: Regina Röhner (aus dem Buch “Das grosse Sächsische Mühlen Buch")

 

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